
Soll das so weitergehen? Diese Frage stellt ein katholischer Sozialaktivist in Fernando Molicas Roman "Krieg in Mirandao" dem Drogenboss einer Favela von Rio de Janeiro nicht, um ihn zu einem sowieso unvorstellbaren "ehrlichen Lebenswandel" zu bekehren. Die Frage nach dem stumpfen Kreislauf der Gewalt soll den Gangster auf eine Utopie vorbereiten: die Vernetzung der Favela-Gangs mit den kommunistischen Umsturzträumern der bürgerlichen Stadtviertel. Molica hat ein einfühlsames, illusionsloses, aufregendes Porträt des alltäglichen Wahnsinns geschrieben. Indem er überzeugend aus dem Innenleben seiner Figuren berichtet, ihr Denken wie ihren Jargon erfasst, zeigt er ihre fundamentalen Missverständnisse, ihr Aneinandervorbeireden, ihr unausweichliches Scheitern.
Dieser großartige Favelakrimi zerfetzt letztlich eine ganze linke Utopie und macht zugleich klar, dass der Status quo unerträglich ist, dass die Armen eine umsetzbare Utopie dringend brauchen.
Von Thomas Klingenmaier